ADHS und Lese-Rechtschreibschwäche bei Erwachsenen: Wenn Konzentration nicht das einzige Problem ist
Das Wichtigste in 30 Sekunden:
- Häufige Doppeldiagnose: Je nach Studie liegt bei Menschen mit ADHS häufig zusätzlich eine spezifische Lernstörung vor (oft grob im Bereich 30–45 %; Daten stammen überwiegend aus Kinder-/Jugendkohorten; bei Erwachsenen ist die Studienlage weniger dicht), z. B. Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) oder Rechenschwäche (Dyskalkulie).
- Ursache: Beide Störungen haben häufig gemeinsame genetische Wurzeln und neurobiologische Ursachen, sind aber voneinander unabhängige Diagnosen.
- Behandlung: ADHS-Medikamente (z. B. Stimulanzien) verbessern die Konzentration, beheben aber nicht die Lese- oder Rechenschwäche.
- Folgen: Ohne spezifische Förderung bleiben die Probleme im Erwachsenenalter bestehen und beeinträchtigen oft den beruflichen Erfolg und das Selbstwertgefühl.
- Lösung: Ein wirksames Konzept kombiniert die medizinische ADHS-Behandlung mit gezieltem Lern-Training oder angemessenen Anpassungen im Beruf (z. B. mehr Zeit, Tools, alternative Aufgabenformate).
Die Diagnose ADHS im Erwachsenenalter ist oft ein Schlüsselmoment. Viele Betroffene verstehen endlich, warum sie sich ihr Leben lang „anders“ gefühlt haben. Doch nicht selten bleibt auch nach einer erfolgreichen Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung eine gewisse Frustration bestehen. Trotz verbesserter Konzentration fallen das Lesen von Berichten, das fehlerfreie Schreiben von E-Mails oder der Umgang mit Zahlen weiterhin unverhältnismäßig schwer.
Hier liegt der Verdacht nahe, dass nicht nur eine ADHS vorliegt, sondern zusätzlich eine sogenannte Teilleistungsstörung. Darunter fassen Mediziner spezifische Lernstörungen wie die Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) oder die Rechenstörung (Dyskalkulie) zusammen.
Dieser Artikel ordnet die Zusammenhänge aus medizinischer Sicht ein und erklärt, warum diese Diagnosekombination im Erwachsenenalter besondere Aufmerksamkeit erfordert.
Was genau sind Teilleistungsstörungen?
Bevor wir die Verbindung zur ADHS betrachten, ist eine klare Definition notwendig. Im diagnostischen Sinn sprechen wir von spezifischen Lernstörungen (z. B. Lese-/Rechtschreibstörung, Rechenstörung), die umgangssprachlich oft „Teilleistungsstörungen“ genannt werden. Teilleistungsstörungen sind keine Folge von mangelnder Intelligenz oder unzureichender Beschulung. Es handelt sich um neurobiologische Entwicklungsstörungen.
Im klinischen Kontext unterscheiden wir vor allem zwei Hauptformen, die auch im Erwachsenenalter fortbestehen:
- Lese- und/oder Rechtschreibstörung (Legasthenie): Hierbei ist die Fähigkeit beeinträchtigt, Wörter flüssig zu lesen oder korrekt zu schreiben. Die phonologische Verarbeitung im Gehirn – also die Verknüpfung von Lauten und Buchstaben – ist in der phonologischen Verarbeitung und Automatisierung der Graphem-Phonem-Zuordnung messbar beeinträchtigt.
- Rechenstörung (Dyskalkulie): Betroffene haben oft deutliche und anhaltende Schwierigkeiten, Mengen zu erfassen oder grundlegende Rechenoperationen durchzuführen.
Diese Störungen sind im Erwachsenenalter oft weniger sichtbar als bei Schulkindern, da viele Betroffene über Jahre hinweg Kompensationsstrategien entwickelt haben oder Situationen vermeiden, in denen sie schreiben oder rechnen müssen.
Warum ADHS und Lernstörungen oft gemeinsam auftreten
Aus medizinischer Sicht ist das gemeinsame Auftreten (Komorbidität) von ADHS und Lernstörungen keine Überraschung. Schätzungen gehen davon aus, dass bei ADHS je nach Studie bei etwa einem Drittel der Fälle zusätzlich eine spezifische Lernstörung vorliegt (oft grob im Bereich ~30–45 %; Daten stammen überwiegend aus Kinder-/Jugendkohorten; bei Erwachsenen ist die Studienlage weniger dicht). Besonders häufig finden sich Lese- und Rechtschreibprobleme.
Die Ursachen hierfür liegen in der Biologie unseres Gehirns. Beide Störungsbilder sind angeboren und weisen eine starke genetische Komponente auf. Zwillingsstudien zeigen eindrücklich, dass die genetischen Risikofaktoren für ADHS und Legasthenie/Dyskalkulie stark überlappen. Ein Kind mit ADHS hat ein etwa zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, zusätzlich von einer Lese- oder Rechenstörung betroffen zu sein – was vermutlich vor allem gemeinsame genetische Risikofaktoren widerspiegelt.
Dennoch unterscheiden sich die Mechanismen im Gehirn:
- Bei der ADHS sind vor allem Systeme der Aufmerksamkeitssteuerung und Selbstregulation betroffen (u. a. fronto-striatale Netzwerke; die katecholaminerge Modulation spielt dabei eine Rolle).
- Bei Teilleistungsstörungen finden sich atypische Vernetzungen in den spezifischen Hirnarealen, die für Sprache oder Arithmetik zuständig sind.
Es handelt sich also um zwei eigenständige, aber genetisch verwandte Probleme, die sich im Alltag wechselseitig ungünstig beeinflussen können: ADHS erschwert das fokussierte Üben, Lernprobleme erhöhen Stress, Frustration und Vermeidungsverhalten.
Die Auswirkungen im Erwachsenenleben
Im Erwachsenenalter führt diese Kombination oft zu einer Art „doppelten Hürde“ im Berufsleben und Alltag. Die ADHS-Symptome – wie Impulsivität und Ablenkbarkeit – erschweren ohnehin schon fokussiertes Problemlösen. Kommt eine spezifische Lernschwäche hinzu, potenzieren sich die Schwierigkeiten.
Betroffene berichten häufig, dass sie trotz hoher Intelligenz ihre akademischen oder beruflichen Ziele nicht erreichen. Studien zeigen Hinweise darauf, dass Erwachsene mit dieser „Doppeldiagnose“ oft niedrigere formale Abschlüsse haben und größere Schwierigkeiten bei der beruflichen Integration erleben als Menschen, die „nur“ ADHS haben, wobei Stichproben und Komorbiditäten die Aussagekraft mitprägen.
Auch die psychische Belastung ist hoch. Die chronische Überforderung führt oft zu Frustration, einem verringerten Selbstwertgefühl und sozialen Konflikten, etwa wenn am Arbeitsplatz Fehler durch Lese- oder Rechenschwächen als Nachlässigkeit fehlinterpretiert werden. Ohne adäquate Intervention steigt langfristig das Risiko für Depressionen.
Diagnostische Abgrenzung: Neuropsychologische Tests schaffen Klarheit
Eine präzise Diagnostik ist entscheidend, um die richtige Therapie einzuleiten. Dabei muss differenziert werden: Liegt eine Leseschwäche vor, weil die Aufmerksamkeit ständig abreißt (ADHS), oder weil die Verarbeitung der Buchstaben gestört ist (Legasthenie)?
In der fachärztlichen Diagnostik spielen zwei Elemente eine zentrale Rolle:
- Die Anamnese: Die Betrachtung der Schulgeschichte ist essenziell. Gab es schon früh spezifische Probleme beim Schriftspracherwerb oder Rechnen, die unabhängig von der Konzentrationsfähigkeit waren?
- Neuropsychologische Testverfahren: Spezielle Tests prüfen das Leseverständnis, die Rechtschreibung oder mathematische Fähigkeiten isoliert. Typischerweise erfolgt dies psychologisch/neuropsychologisch mit standardisierten Leistungsdiagnostiken (z. B. Lesegenauigkeit/-tempo, Rechtschreibung, Rechnen) und im Abgleich mit der Bildungsbiografie. Wichtig ist die Abgrenzung zu Faktoren wie Sprachkenntnissen, Seh-/Hörproblemen, Schlafmangel sowie depressiver oder ängstlicher Symptomatik. Gleichzeitig wird das Arbeitsgedächtnis überprüft. Studien zeigen, dass ADHS-Patienten oft langsamer lesen, aber Patienten mit zusätzlicher Legasthenie spezifische Defizite in der phonologischen Verarbeitung haben.
Therapeutische Konsequenzen: Ein multimodaler Ansatz
Die wichtigste Erkenntnis für die Therapie ist: Eine ADHS-Behandlung allein heilt keine Lese-Rechtschreibschwäche. Medikamente wie Methylphenidat verbessern zwar die Aufmerksamkeit und die Impulskontrolle, beseitigen aber nicht die neuronalen Verarbeitungsdefizite beim Lesen oder Rechnen. Daher empfiehlt sich ein zweigleisiges Vorgehen:
1. Behandlung der ADHS-Symptomatik
Hier stehen, gemäß den Leitlinien, meist medikamentöse Therapien (Stimulanzien) im Vordergrund, oft kombiniert mit psychoedukativen Maßnahmen oder Coaching. Dies schafft die notwendige Basis an Konzentration, um überhaupt effektiv lernen oder arbeiten zu können.
2. Spezifische Förderung der Teilleistungsstörung
Da es keine Medikamente gegen Legasthenie oder Dyskalkulie gibt, sind hier pädagogisch-therapeutische Maßnahmen gefragt. Dazu gehören:
- Lerntherapie: Systematisches Training der Lese-, Rechtschreib- oder Rechenfertigkeiten, das auch im Erwachsenenalter hilfreich sein kann, oft mit Fokus auf kompensatorischen Strategien, Automatisierung und alltagsnahen Anwendungen.
- Nachteilsausgleiche und Hilfsmittel: Im Studium (Nachteilsausgleich) oder im Beruf (angemessene Anpassungen) können verlängerte Bearbeitungszeiten, der Einsatz von Vorlesesoftware oder Rechtschreibprogrammen eine enorme Entlastung bringen.
- Psychologische Begleitung: Um das oft angekratzte Selbstbewusstsein zu stärken und Vermeidungsverhalten abzubauen.
Zusammenfassung und Ausblick
Fakten zu ADHS und Teilleistungsstörungen
1 Helfen ADHS-Medikamente auch gegen Lese-Rechtschreibschwäche?
Direkt nein, indirekt ja. Medikamente wie Stimulanzien verbessern primär die Aufmerksamkeitssteuerung und Hyperaktivität, beheben aber nicht die ursächliche Teilleistungsstörung. Die neurobiologische Verarbeitungsschwäche beim Lesen oder Rechnen bleibt bestehen. Allerdings profitieren Betroffene oft indirekt: Durch die gesteigerte Konzentration können sie kompensatorische Lernstrategien besser anwenden, auch wenn für die Lese- oder Rechenschwäche selbst ein separates Training nötig bleibt.
2 Sind Erwachsene mit ADHS und Lernstörung weniger intelligent?
Nein. Teilleistungsstörungen treten unabhängig von der allgemeinen Intelligenz auf. Das Problem ist nicht das intellektuelle Potenzial, sondern spezifische Teilprozesse (z. B. phonologische Verarbeitung beim Lesen/Schreiben oder Zahlen-/Mengenvorstellung beim Rechnen; häufig zusätzlich Arbeitsgedächtnis/Tempo). Betroffene erreichen oft niedrigere formale Abschlüsse, als es ihrer eigentlichen Begabung entspräche, weil Prüfungsformate ihre Defizite nicht berücksichtigen.
3 Was ist der Unterschied zwischen Dyslexie und Dysgraphie?
Während Dyslexie (Legasthenie) primär die Leseflüssigkeit und das Textverständnis betrifft, bezieht sich Dysgraphie spezifisch auf das Schreiben. Dies umfasst oft ein unleserliches Schriftbild und motorische Schwierigkeiten beim Schreiben. Interessanterweise berichten einige Studien/Reviews – überwiegend aus dem Kindesalter – davon, dass Schreibstörungen bei ADHS-Patienten sogar noch häufiger auftreten können als reine Lesestörungen.
4 Kann ich eine Rechenschwäche oder Legasthenie erst als Erwachsener bekommen?
Nein. Sowohl ADHS als auch spezifische Lernstörungen sind per Definition angeborene, neurobiologische Entwicklungsstörungen. Sie bestehen lebenslang, auch wenn sie in der Schule vielleicht durch hohe Intelligenz maskiert wurden. Treten solche Symptome im Erwachsenenalter plötzlich neu auf (ohne Vorgeschichte), müssen neurologische Ursachen (z.B. nach Schlaganfall) abgeklärt werden.
5 Ist die Kombination aus ADHS und Lernstörung vererbbar?
Ja, die genetische Komponente ist sehr stark. Zwillingsstudien belegen signifikante genetische Überschneidungen zwischen ADHS, Legasthenie und Dyskalkulie. Kinder von Eltern mit dieser Symptomatik haben ein etwa 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls betroffen zu sein. Es ist ratsam, bei eigenen Kindern frühzeitig auf Anzeichen zu achten, da genetische Faktoren eine größere Rolle spielen als reine Umwelteinflüsse.
6 Welche Hilfsmittel unterstützen im digitalen Berufsalltag?
Digitale Assistenztechnologien sind für die Kompensation von ADHS und Lernstörungen entscheidend. KI-Schreibtools strukturieren komplexe Gedanken und korrigieren Rechtschreibfehler. Speech-to-Text-Software umgeht motorische Barrieren bei Dysgraphie, während Visualisierungs-Add-ins bei Dyskalkulie das Arbeitsgedächtnis entlasten. Als „externe Frontallappen“ senken diese Tools die kognitive Last und sichern die berufliche Integration trotz neurobiologischer Hürden.
Literaturverzeichnis
- Aksoy, G., et al. (2024). Comorbidity of ADHD and Specific Learning Disorders. Current Psychiatry Reports. https://jag.journalagent.com/cm/pdfs/CM-30602-REVIEW-GUNAY_AKSOY.pdf
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). (2018). Langfassung der S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“. https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-0451_53_ADHS_2018-06-abgelaufen.pdf
- Bonti, E., et al. (2021). Clinical Profiles and Socio-Demographic Characteristics of Adults with Specific Learning Disorder in Northern Greece. Brain Sciences. https://scispace.com/papers/clinical-profiles-and-socio-demographic-characteristics-of-s6dhzhvsfl
- Cleveland Clinic. (n.d.). ADHD Medications: How They Work & Side Effects. Abgerufen von https://my.clevelandclinic.org/health/treatments/11766-adhd-medication
- Miranda, A., et al. (2017). Reading Performance of Young Adults With ADHD Diagnosed in Childhood. Journal of Attention Disorders. https://www.researchgate.net/publication/258036081_Reading_Performance_of_Young_Adults_With_ADHD_Diagnosed_in_Childhood
- van Bergen, E., et al. (2025). Co-Occurrence and Causality Among ADHD, Dyslexia, and Dyscalculia. Psychological Science. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40098496/